"Ich bin ständig zwischen allen Stühlen"

Michael Engel war Trainer aus Leidenschaft: 20 Jahre lang stand er an der Seitenlinie, im Rollstuhlbasketball ebenso wie bei den „Fußgängern“. Zuletzt war er Bundestrainer der deutschen Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft der Herren und holte mit ihr bei den Paralympischen Spielen 2024 in Paris Bronze, das beste Ergebnis eines deutschen Männer-Teams seit 32 Jahren. Davor prägte er sieben Jahre lang als Cheftrainer seinen Herzensverein, die RSB Thuringia Bulls, mit dem er bis heute über seine Arbeit im Marketing verbunden ist. Außerdem ist er Vater einer zehnjährigen Tochter und studierter Volkswirt. Im Gespräch mit uns erzählt Michael, wie er über zwei Jahrzehnte zwischen Leistungssport, Beruf und Familie navigiert hat und warum Selbstfürsorge für ihn die Voraussetzung für Höchstleistung ist.

„Ich bin ständig zwischen allen Stühlen"

Ich bin Familienvater, Lebensgefährte und Vater einer zehnjährigen Tochter. 20 Jahre lang war ich Trainer, den größten Teil davon im Leistungssport, zuletzt Nationaltrainer von Team Germany im Rollstuhlbasketball der Herren. Parallel bin ich seit Jahren in meinem Herzensverein aktiv, den Thuringia Bulls, mittlerweile im Marketing. Und im Herzen bin ich immer noch Wirtschaftswissenschaftler geblieben, das ist meine zweite Welt neben dem Trainerdasein. Dazu noch Sport, Lesen, Freunde, Familie drumherum. Man ist da wirklich immer zwischen allen Stühlen.

„Wenn andere Feierabend haben, fängt meine Arbeit erst an"

 

Ich glaube, wir Trainerinnen und Trainer haben am Ende des Tages ein paar ganz bestimmte Herausforderungen. Die erste: Wir arbeiten in der Freizeit der anderen. Wenn das ganze Umfeld Feierabend hat, beginnt unsere Arbeitszeit eigentlich erst.

 

Die zweite: Sport ist unsere Passion. Und wenn du etwas mit Passion machst, kennst du eigentlich sowas wie Feierabend nicht. Ich bin so ein Basketball-Nerd, ich könnte mir den ganzen Tag Spiele angucken. Ich mache drei, vier Stunden Training am Tag, habe am Wochenende zwei Spiele und könnte mir abends dennoch zwei Basketballspiele angucken. Das ist einerseits cool, weil du immer einen Motor in dir hast. Andererseits ist es auch gefährlich, weil dir das Abschalten schwerfällt.

Und genau dieses Nicht-abschalten-Können verschärft sich noch durch eine dritte Herausforderung: diese 24-7-Flut. Du bist gefühlt rund um die Uhr für irgendwas verantwortlich, und das digitale Zeitalter verstärkt das noch zusätzlich. Ich glaube, das wird im Leben von uns Coaches unterschätzt. Und automatisch läufst du dann Gefahr, in ein Hamsterrad reinzukommen. Mit dem Ergebnis, dass du irgendwann nicht mehr auf Top-Level performst.

„2016 war der Wendepunkt"

2016 ist meine Tochter geboren. Das war der entscheidende Wendepunkt in meinem Leben, wie wahrscheinlich für viele Väter. Ich hatte damals zwei Möglichkeiten: Entweder ich höre auf, als Trainer zu arbeiten. Denn die Realität auf Top-Level ist oft, dass du entweder eine kaputte Familie und schwierige Verhältnisse um dich herum hast, gesundheitlich auf einem ganz schlechten Niveau bist oder an der Seitenlinie einfach nicht gut genug performst.

 

Im selben Jahr bekam ich das Angebot, Trainer der Thuringia Bulls zu werden – frisch deutscher Meister, für mich die Chance auf allerhöchstem Niveau. Und dazu noch gute Menschen, die es bis heute sind. Das wollte ich unbedingt machen. Wir sagen unseren Kindern ja immer, sie sollen ihre Träume verwirklichen. Und dann macht man es selbst nicht?

Also habe ich gesagt: Ich mache das jetzt. Aber ich muss mir ein System bauen, mit dem ich in dieser Welt funktioniere und gleichzeitig das sportlich Bestmögliche rausholen kann. Und auf der anderen Seite sollen meine Partnerin und meine Tochter mich trotzdem wahrnehmen, als wichtigen Teil ihres Lebens. So begann diese Geschichte, an deren Ende ich mir eine Art System aufgebaut habe, damit es funktioniert.

„Du kannst nicht performen, wenn du nicht mit dir selbst im Reinen bist"

Der wichtigste Mensch in unserem Leben sind eigentlich wir selbst, auch wenn wir für ganz viele andere verantwortlich sind. Ich bin fest davon überzeugt: Du kannst nicht performen, wenn du nicht mit dir selbst im Reinen bist. Und eine Mannschaft merkt das. Wenn ich überfordert bin, bin ich schneller gereizt. Und bei uns entscheiden am Ende ein, zwei Prozent, ob wir gewinnen oder verlieren.

 

Wir wissen als Trainer genau, dass Leistung aus Belastung und Regeneration entsteht. Wir wissen das Handwerkzeug, wir würden unseren Athletinnen und Athleten immer die richtige Lösung präsentieren. Aber bei uns selbst machen wir dann Stopp. Und das ist, glaube ich, nicht der richtige Weg. Selbstfürsorge ist mit das Entscheidende, um nicht nur erfolgreich zu sein, sondern auch lange erfolgreich zu sein. Ich hatte das Glück, sieben Jahre mit derselben Mannschaft zu arbeiten; da musst du dich immer wieder neu erfinden, in dich selbst hineinhören, kreativ sein. Das ist es ja auch, was uns als Menschen ausmacht.

„Mit 42 fühle ich mich besser als mit 18"

 

Körperliche Fitness, Müdigkeit; solche Dinge konnte man, bevor man Familienvater wird, relativ einfach ignorieren. Aber du hast ja ständig Menschen um dich rum und wenn du nach Hause kommst, wird trotzdem noch was von dir gebraucht. Du kannst es nicht mehr so kaschieren.

 

Deswegen sind Schlaf und Ernährung für mich schon länger sehr wichtige Themen. Ich war neulich wieder auf dem Markt hier in Erfurt, wir haben einen wunderschönen; sich mit frischen Produkten und dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, das habe ich früher, wenn ich mir alte Fotos anschaue, definitiv nicht betrieben. Ich fühle mich mit 41 besser als mit 18. Ob das gut für den 18-jährigen Micha ist, weiß ich nicht, aber insgesamt fühle ich mich viel ausgeglichener. Mit der Erfahrung entsteht eine ganz andere Geschichte; du blickst auf vieles anders als früher.

„Mein wichtigstes Tool: Aufgaben abgeben und kein Social Media"

 

Ich kann das nicht alles allein; das können auch ganz viele andere. Das war für mich eine sehr wichtige Erkenntnis, also: Aufgaben delegieren. Gerade im High-Performance-Bereich hat man richtig gute Leute um sich, oder man muss sie dazuholen, und dann einfach Aufgaben abgeben.

 

Ein weiteres ganz wichtiges Tool: Ich bin seit mittlerweile acht Jahren nicht mehr auf Social Media. Das war einer der größten Zeitfresser, die ich hatte. Und ich bin da super anfällig für; ich bin nicht diszipliniert genug, um mir das nur fünf Minuten anzugucken und dann drei Tage nicht mehr. Also musste ich mich selbst disziplinieren: komplett vorbei, und das war's.

„Mein Miracle Morning"

 

Ich glaube, wir müssen in unserer Arbeit einen Flow-Zustand erreichen. Es gibt ein einziges Buch, das ich in meinem Leben zweimal gelesen habe ist: "Deep Work" von Cal Newport. Er beschäftigt sich darin mit Geisteswissenschaftlern und Schriftstellern, die extrem produktiv waren, und fragt: Wie schaffen die das, in einem Jahr so viel zu schreiben? Das Geheimnis ist einfach, dass sie es geschafft haben, sich jeden Tag zwei, drei Stunden hinzusetzen und hochkonzentriert an einer Sache zu arbeiten, ohne sich von rechts und links stören zu lassen.

 

Mein Zeitfenster dafür ist die sogenannte Miracle Morning. Ich stehe sehr, sehr früh auf und gehe dafür auch früh ins Bett. Das ist mein Termin mit mir selbst: Jeden Morgen setze ich mich mit den wirklich wichtigen Dingen auseinander und blocke mir dafür ein Zeitfenster, meinetwegen auch noch bis um 10 Uhr. Von 6 bis 8 muss erstmal meine Tochter für die Schule vorbereitet werden, aber danach sitze ich nur an dieser einen Aufgabe. 

Ich plane außerdem alles handschriftlich, mit Zettel und Stift. Früher hatte ich einen digitalen Taskmanager, aber der vergisst nichts und du kannst Aufgaben immer weiter verschieben. Bis irgendwann 235 Aufgaben auf dich warten und du überhaupt keine Lust mehr hast. Beim handschriftlichen Plan ist das anders: Entweder du machst die Aufgabe, oder du machst sie nicht. Und wenn nicht, musst du sie von Hand übertragen und dir überlegen, ob sie wirklich so wichtig ist. Das war für mich ein ganz wichtiges Tool. Seitdem gibt es auch in meiner Woche Struktur, weil ich jede Woche zu planen versuche. Eine ungeplante Woche ist einfach eine Scheißwoche.

 

Das klingt jetzt alles super diszipliniert, aber ich stehe nicht jeden Morgen senkrecht im Bett und denke "geil". Es gibt auch herausfordernde Tage, an denen es nicht so gut läuft, und das beginnt schon am Abend vorher. Aber trotzdem kommt man voran. Und deswegen sind die Ziele, das "Warum" dahinter, so wichtig.

Alles Wichtige rund um die Paralympics-Mannschaft, die Bronzemedaille, das ganze Videomaterial; das habe ich von ganz früh morgens bis 10 Uhr gemacht. In dieser Zeit war ich hochkonzentriert, super leistungsfähig und keiner konnte mich erreichen, weil morgens ja auch keiner wach ist.

Struktur und Kontinuität

 

Einer meiner früheren Chefs war Dirk Kollmar. Er war der Visionär des Basketballs in Erfurt und Gotha, er hat damals die Basketballprojekte in der Region mit aufgebaut. Außerdem war er Geschäftsführer der Oettinger Brauerei. Leider ist er viel zu früh verstorben. Im Vorstellungsgespräch hat er mich gefragt, weil er wusste, dass ich VWLer bin: "Herr Engel, was ist das Wichtigste in einem Unternehmen?" Ich hatte keine Ahnung. Dann hat er mich erlöst: "Struktur und Kontinuität." Das sagt eigentlich relativ viel aus. Und das muss nicht in einem Unternehmen sein, das kannst du auch in deiner eigenen Ich-AG umsetzen. Daraus wird dann Struktur, daraus wird ein Weg. Und aus einem Tag wird eine Woche, ein Monat, ein Jahr. Und mittlerweile fast ein Jahrzehnt.

„Die wichtigste Frage: Welcher Mensch möchte ich gewesen sein?"

 

Was mir sehr geholfen hat: mir erstmal bewusst zu machen, was überhaupt meine Ziele sind und zu akzeptieren, dass ich nicht alles machen kann. Du kannst nicht 30 Ziele aufschreiben und die im nächsten Jahr alle umsetzen. Du musst dir überlegen, was wirklich wichtig ist für dich; und das sind am Ende ganz, ganz wenige Dinge.

 

Aus dem Selbstmanagement-Bereich, sage ich mal, gibt es Stephen Covey. In einem Interview beschreibt er, das Wichtigste, was ein Mensch in seinem Leben schreiben sollte, sei seine eigene Grabrede. Das fand ich spannend: Wer steht da am Grab; deine Familie, deine Tochter oder dein Sohn, deine Partnerin, deine Kolleginnen und Kollegen? Wie sollen die auf dich blicken? Und welche Werte habe ich eigentlich, nach denen ich beurteilt werden möchte?

Dabei wird einem bewusst, dass das Kostbarste, was wir haben, die Zeit ist. Wir haben nur dieses eine Leben und daraus ergibt sich, was ich damit eigentlich machen will und wieviel Lust ich habe, mich mit den einzelnen Dingen auseinanderzusetzen.

  

Ich war auf dem Höhepunkt meines Trainerschaffens, als ich nach dem Paralympics Erfolg 2024 gesagt habe: Das mache ich jetzt nicht weiter. Einfach ‘nein’ zu sagen, ist ein ganz starkes Skill, das wir als Trainer teilweise verlernt haben; man denkt, man ist immer verantwortlich und muss immer Ja sagen. Aber Nein sagen ist eigentlich das, was dich am Ende befreit und dir Kapazitäten für das Große und Ganze gibt.

„Wir sind Dienstleister, aber nicht für alles verantwortlich"

 

Das hängt auch mit dem Druck- und Erwartungsgefühl zusammen, das von außen auf einen einprasselt. Dazu ein Beispiel, das mich sehr beeindruckt hat: Jupp Heynckes wurde spät in seiner Karriere, schon als eine Art Trainer-Rentner, gefragt, was sich bei ihm im Vergleich zu früher verändert hat. Seine Antwort: Gelassenheit. Wir dürfen uns nicht immer für alles verantwortlich machen.

 

Die beste Rede, das beste Video, das ich je von einer Führungskraft gesehen habe, ist die von Thomas Tuchel als "Rule Breaker", gibt's auf YouTube. Er beschreibt darin, wofür wir als Trainer eigentlich da sind: Wir sind Dienstleister. Wir versuchen, für unsere Athletinnen und Athleten das bestmögliche Setup zu bauen und sie zu unterstützen, damit sie performen können. Aber wir sind nicht für alles verantwortlich. Dass ein Athlet oder eine Athletin mit Freude und Motivation zum Training kommt, dafür ist er oder sie selbst verantwortlich. Das halte ich bis heute so; auch bei der kleinen Kindersportgruppe, in der jetzt meine Tochter mitspielt. Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass da alle hochmotiviert sind. Natürlich habe ich selbst Bock auf die Sache und motiviere. Aber dass andere auch ihren Teil beitragen müssen, ist ganz wichtig.

„Ich wurde nur Trainer, weil ich der schlechteste Spieler war"

 

Ein letzter Punkt ist, sich die Begeisterung zu erhalten. Warum sind wir überhaupt Trainerin oder Trainer geworden? Für mich war es damals schon eine Sensation, überhaupt auf diesem Niveau arbeiten zu dürfen. Ich komme aus einer kleinen Stadt in Brandenburg, Perleberg, wo wir keine Trainerin und keinen Trainer hatten. Ich bin quasi nur Trainer geworden, weil ich der schlechteste Spieler war. Von da aus hat sich das entwickelt.

 

Diese Begeisterung zu behalten und nicht alles größer zu machen, als es ist, das ist wichtig. Bei den Paralympics dabei zu sein, ist sensationell; aber wenn ich mir Druck mache nach dem Motto "wir müssen gewinnen", ist das der falsche Ansatz. Wir müssen nur unser Bestes geben. Wenn ich in den Spiegel schauen und sagen kann, ich habe mein Allerbestes gegeben, dann ist das schon sehr viel wert. Weg vom Ergebnisorientierten, hin zu: Habe ich alles kontrolliert, was ich als Trainer kontrollieren konnte? Wenn ja, dann war das okay.

„Gelassenheit, Begeisterung, nie aufhören zu lernen"

 

Ich habe sehr viel von erfahrenen Trainerinnen und Trainern lernen dürfen und höre ihnen bis heute mit großen Ohren zu. Wir dürfen nie stehen bleiben, sondern müssen in allen Bereichen etwas mitnehmen, was uns und damit auch unseren Athletinnen und Athleten, weiterhilft. Mich inspiriert das auch aus der Kunstwelt oder der Politik: Beim Thema Gelassenheit fand ich zum Beispiel spektakulär, wie unsere ehemalige Bundeskanzlerin in Drucksituationen wie Corona oder der Flüchtlingskrise so ruhig bleiben konnte. Helmut Schmidt war auch so ein Beispiel; Gelassenheit, aber gleichzeitig das Pflichtbewusstsein, wofür man eigentlich verantwortlich ist.

Wir haben das Glück, dass es mittlerweile Plattformen wie Athletes in Mind gibt und dass dieses Thema in der Gesellschaft viel mehr Sensibilität bekommen hat. Früher hatte man als Trainer Angst, offen darüber zu sprechen. Ich erinnere mich an Ralf Rangnick, der damals wegen Burnout aussetzen musste, oder an Ottmar Hitzfeld, der das erst im Nachhinein so klar benannt hat. Dass darüber heute offener gesprochen wird, ist schon mal sehr gut. Man kann sich über Podcasts und Bücher viel selbst beibringen, sich mit erfahrenen Trainerinnen und Trainern austauschen, Gespräche führen und sich professionelle Hilfe von Expertinnen und Experten holen. Auch hier sollten wir also unserem Trainer-Mindset folgen: Hier ist eine Challenge und wir dürfen uns einem großen Werkzeugkasten bedienen. Und wir werden Lösungen finden. 

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